Samstag, 14. Mai 2016

Elmar Tannert & Fredder Wanoth: Biergartenlandschaften


Elmar Tannert (Hrsg.)
& Fredder Wanoth (Zeichnungen):
Biergartenlandschaften
In Erwartung der Unendlichkeit



Ein feines Buch ist ein feines Buch ist ein feines Buch ist ein Buch vom ars vivendi verlag. Mag man versucht sein zu sagen. Zumal wenn man die Bücher und sonstigen Produkte dieses Verlages kennt, die immer etwas Besonderes sind, die sich immer etwas vom Alltäglichen abheben. So auch dieses Mal.

Man ist ja heutzutage was die Buchproduktion anbelangt nicht mehr sehr verwöhnt. Schutzumschlag, Lesebändchen, feines Papier, Illustrationen, Sorgfalt bei der typographischen Gestaltung - oftmals Fehlanzeige. Nicht so aber bei diesem Buch zu Ehren des Jubiläums 500 Jahre Reinheitsgebot.

Natürlich, es geht ums Bier, um jenen Gerstensaft, Lebenssaft für manche gar, die sich gar zu gerne darin verlieren. Vor allem aber um die Tempel dieser Glückseligkeit, um die Biergärten.

Biergärten sind eigentlich eine tief bayerische Tradition. In anderen Gegenden findet man sie kaum bis selten, und wenn, so haben sie immer Anklänge und weisen Reminiszenzen an bayerische Biergärten auf.

Inseln der Glückseligkeit
Von Kastanienbäumen beschattet oder leuchtenden Schirmen bedacht, in Hinterhöfen versteckt oder im Zentrum des gesellschaftlichen Treibens – als lebhafte Plätze für Versammlungen oder heimliche Haine der Entschleunigung sind Biergärten reizvolle Feier- wie Rückzugsorte.

Die Biergärten aus den Zeichnungen sind in Franken, immer mit einer kurzen Charakterisierung versehen, die Texte sind aber allgemeiner, sie können fast immer überall stattfinden. Global Beergarden sozusagen. Eine Biergartengeschichte spielt sogar tatsächlich in Indien.

Künstler jeder Art, seien es Literaten, Vertreter der malenden oder der darstellenden Kunst, haben sie ebenso wie der gewöhnliche Bürger gerne in den Biergarten zurückgezogen. Hier darf ich granteln, hier darf ich trinken, hier darf ich sein …

In Wort und Bild wird in diesem Buch eine Typologie des Biergenusses unter freiem Himmel entworfen und damit ein künstlerisches Bekenntnis zur Außergewöhnlichkeit dieser Kulturräume im Grünen abgelegt. Kongeniale Begleiter der Texte der verschiedenen Autoren sind die filigranen Farbstiftzeichnungen von Fredder Wanoth. Sie porträtieren dabei aus einer eigenwilligen Perspektive die ungeahnte Wahrhaftigkeit wie ausgiebige Vielfältigkeit von Biergartenlandschaften und gewinnen so dem scheinbar profanen Thema eine ganz neue Dimension ab.

Zusammen mit anspruchsvollen und gleichzeitig gewitzten Kurzgeschichten bekannter Bierliebhaber - von Franz Kafka bis zum zeitgenössischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer; meist sind es Männer, trotz aller sicher bemühter Genderneutralität finden sich nur 3 Frauen in der Autoren/innenschaft - diskutieren sie das spannende, mitunter ambivalente Verhältnis zu Idylle, Rausch und Beschaulichkeit und formen so ein stimmungsvolles Gesamtkunstwerk fernab jeglicher Heimattümelei.

Inklusive Gewinnertext des 1. Fränkischen Kurzgeschichtenpreises 2016
Insgesamt ist dieses aufwendig gestaltete Buch eine kunstvolle Annäherung an das Phänomen Biergarten in Zeichnungen und Texten, sehr lesenswert, sehr empfehlenswert, und zwar sowohl für feinsinnige Bierliebhaber wie Kunstfreunde, Bibliophile und Freunde lesenswerter Kurzprosa.

Von Kafka über Walser zu Egersdörfer
Und so entstand ein Buch mit Kurzgeschichten jeglicher Art, poetischen, literarischen, spannenden, interessanten, phantasievollen, lesenswerten allesamt sowieso. Die Beiträge zu dieser wohl ungewöhnlichsten Publikation zum Bier-Jahr 2016 stammen von Friedrich Ani, Alois Brandstetter, Herta Dietrich, Matthias Egersdörfer, Günter Eichberger, Ludwig Fels, Theobald Fuchs, Christine Grän, Helmut Haberkamm, Ralf Huwendiek, Franz Kafka, Fitzgerald Kusz, Philipp Moll, Petra Nacke, Christiane Neudecker, Markus Orths, Elmar Tannert, Simone Veenstra, Robert Walser und Moses Wolff.

Zu Autor und Zeichner:
Elmar Tannert, 1964 in München geboren, absolvierte ein Studium der Musikwissenschaft und Romanistik. Seit 2003 arbeitet er als freier Schriftsteller sowie u. a. beim Bayerischen Rundfunk. Bei ars vivendi erschienen von ihm Der Stadtvermesser (1998), Keine Nacht, kein Ort (2002), Ausgeliefert (2005) und die gemeinsam mit Petra Nacke verfassten Romane Rache, Engel! (2008), Blaulicht (2010) sowie Der Mittagsmörder (2012). 2015 veröffentlichte er gemeinsam mit Martin Droschke den Reiseführer Bierland Pilsen.
Fredder Wanoth, 1957 in Beilngries geboren, lebt als freischaffender Künstler in Nürnberg. Studium der freien Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Meisterschüler bei Professor Ludwig Scharl. Zahlreiche Ausstellungen und Stipendiumsaufenthalte im In- und Ausland. 2001 Förderpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Nürnberg, 2007 Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis des Bezirks Mittelfranken. Wanoth ist Mitgründer und -betreiber der Galerie Bernsteinzimmer, Nürnberg.

Elmar Tannert (Hrsg.) / Fredder Wanoth (Zeichnungen): Biergartenlandschaften. In Erwartung der Unendlichkeit. Zeichnungen und Kurzgeschichten. 127 Seiten. Hardcover. ars vivendi verlag, Cadolzburg. ISBN 978-3-86913-625-7. € 22,90 [D], € 23,60 [A].

Sie erhalten das Buch im Buchhandel und hier.


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